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Gottesdienst

Wahrnehmung der Situation

Gottesdienst ist eigentlich als Gottes Dienst am Menschen zu verstehen, wenngleich der Begriff im allgemeinen (auch kirchlichen!) Sprachgebrauch die kirchliche Veranstaltung bezeichnet, als handle es sich um einen von Menschen für Gott geleisteten Dienst. Gottesdienst im Alltag der Welt ist dann (an zweiter Stelle!) der von Christinnen und Christen täglich gelebte Glaube (Röm 12,1). Öffentliche Gottesdienste werden an allen Sonntagen und kirchlichen Feiertagen, zu besonderen Anlässen auch an Werktagen, gefeiert. Dazu kommen Menschen zusammen, weil sie auf Gottes Wort hören, zu ihm beten und Taufe und Abendmahl empfangen wollen. Das verbindet die Gemeinde mit der weltweiten Kirche und stellt sie in die Tradition und Gemeinschaft der Kirche aller Zeiten.

Die Beteiligung der Gemeinde am gottesdienstlichen Geschehen ist ein Kennzeichen des evangelischen Gottesdienstes. Sie kommt unter anderem zum Ausdruck im Singen, in der Kirchenmusik wie auch im Amt der Lektorinnen und Lektoren oder der Prädikantinnen und Prädikanten. Kirchenmusik und Gesang sind wesentliche Bestandteile des evangelischen Gottesdienstes.

Der Sonntag hat als Ruhetag in unserer Gesellschaft nach wie vor ein eigenes Gewicht. Wesentliche Merkmale unserer kulturellen Identität verbinden sich mit ihm. Es kann aber nicht übersehen werden, dass der Wandel der Arbeitswelt und verändertes Freizeitverhalten, Vereinswesen und Sport sowie der Einfluss der Massenmedien bedeutsame Änderungen in der Einstellung zum Sonntag und zum sonntäglichen Gottesdienst mit sich gebracht haben. Mit Sorgen beobachten die Gemeinden, dass die zunehmende Sonntagsarbeit die Teilnahme am Gottesdienst und die Gestaltung des Sonntags als Ruhetag erschwert. Die unterschiedlichen Interessen und Erwartungen, die sich mit dem Sonntag verbinden, bei Familien und Einzelpersonen wie auch bei jüngeren und älteren Menschen, führen zu einer Konkurrenz mit dem Gottesdienst.

Etlichen Gemeindegliedern ist der Sonntagsgottesdienst wichtig für ihr Leben. Andere kommen nur selten, nehmen aber an Gottesdiensten an für sie wichtigen Tagen oder im Urlaub teil oder beteiligen sich am Gemeindeleben in anderer Weise. Für viele Kirchenmitglieder hat der sonntägliche Gottesdienst keine erkennbare Bedeutung.
Außer zum Sonntagsgottesdienst finden sich Christinnen und Christen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu Dank und Fürbitte, zu Lob und Klage und der Bitte um Gottes Segen ein. Solche Lebenssituationen sind: Geburt eines Kindes, Eheschließung und Jubiläen, Tod und Trauer, Beginn und Ende eines Schuljahrs. Auch aus Anlass besonderer Ereignisse, im Erschrecken über Katastrophen und drohende Gefahren oder zum Danken und Feiern kommen Christinnen und Christen zum Gottesdienst zusammen. Gemeinsame Andachten zu Beginn und Abschluss des Tages und der Woche gehören ebenso zum gottesdienstlichen Leben der Gemeinde wie z. B. Friedensgebete und Weltgebetstagsgottesdienste.

Mit neuen Gottesdienstformen und erweiterten Gottesdienstangeboten reagieren viele Gemeinden auf unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse. Familiengottesdienste sind selbstverständlich geworden. Viele Gemeinden laden zu Kindergottesdiensten ein. Bewährt haben sich Gottesdienst- und Predigtvorbereitungskreise, Predigtnachgespräche und der so genannte Kirchenkaffee. Gleichwohl bemerken Gemeinden, wie schwer es ist, über den Kreis der Kirchentreuen hinaus Menschen für den Gottesdienst zu interessieren.

Viel Zuspruch finden kirchenmusikalische Veranstaltungen, bei denen wie in den Gottesdiensten Verkündigung durch Musik geschieht.
Ökumenische Begegnungen bereichern den Gottesdienst. Vielerorts feiern Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Kirchen zu bestimmten Anlässen gemeinsame Gottesdienste. Ökumenischen Gottesdiensten am Sonntagvormittag steht entgegen, dass römisch-katholische Christinnen und Christen zu dieser Zeit zur Teilnahme an einer katholischen Messe verpflichtet sind. Doch selbst an Sonntagen lassen sich Möglichkeiten finden, gemeinsame Wortgottesdienste zu feiern.
Seit einigen Jahrzehnten gewinnen im evangelischen Gottesdienst Anschaulichkeit, Bewegung, Symbole und Rituale an Bedeutung.

Die Kirchen nutzen auch die Chance, durch Gottesdienste in Hörfunk, Fernsehen und neuen Medien viele Menschen anzusprechen. Bei Gottesdiensten auf Kirchentagen und anderen Großveranstaltungen werden Menschen in ungewöhnlich großer Anzahl zusammengeführt.

(Textauszug aus den "Leitlinien kirchlichen Lebens")