Man darf annehmen, dass die Christen das Fest von Anfang an in solch weiterem Sinne und nicht nur als Gedächtnistag des historischen Ereignisses der Geburt Jesu begangen haben: Sie feiern die Offenbarung Gottes in Jesus Christus, sein Kommen in die Welt in Gestalt eines von einer Frau geborenen, Leid, Vergänglichkeit und Tod unterworfenen Menschen. Sie feiern zugleich solche Selbstentäußerung und - erniedrigung Gottes als Erweis und Bestätigung seiner göttlichen Macht. Die Menschwerdung Gottes zielt auf die Erlösung der Menschen und der ganzen Schöpfung aus der Macht der Sünde und des Todes. Gott wurde Mensch, damit Menschen Kinder Gottes werden: Auf diese Formel hat christliche Theologie das weihnachtliche Festgeheimnis gebracht.
Man spricht vom »wunderbaren Tausch«, der sich dabei vollzieht: »...in unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig Gut«, heißt es bei Martin Luther (EG 23; vgl. auch EG 27). Gerade die sehr menschlichen Umstände der Geburt Jesu, von denen besonders Lukas berichtet, haben die fromme Phantasie immer wieder beschäftigt; gewinnt hier doch die abstrakte Rede von der Menschwerdung Gottes konkrete Gestalt. Die Faszination, die bis heute für viele Menschen von Weihnachten ausgeht, hängt damit zusammen: Es sind durchaus vorstellbare, erfahrbare, alltägliche Gegebenheiten und Geschehnisse, von denen da die Rede ist.