Ehe und Familie sind für die Mehrheit der Frauen und Männer in Deutschland die gewünschte und bevorzugte Lebensform. Für viele ist Familie gleichbedeutend mit Geborgenheit. Sie erwarten in ihr Liebe, Zuwendung und die Erfahrung von Glück. Die evangelischen Kirchen unterstützen Menschen, die in Ehe und Familie zusammenleben, weil die eheliche Gemeinschaft Gottes Gebot entspricht und unter seiner Verheißung steht. Deshalb wird auch im Gottesdienst für die Eheleute gebetet und ihnen Gottes Segen zugesprochen.
Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung (Art. 6 Grundgesetz), weil sie wichtige Auf-gaben und Lasten für die Gemeinschaft übernehmen, z. B. in der Kindererziehung oder bei der Pflege alter, kranker und behinderter Menschen, und weil sie die zwischenmenschlichen Beziehungen ordnen, schützen und stabilisieren. Die gesetzlichen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen tragen dem Rechnung, sind aber in den Augen Betroffener verbesserungsbedürftig.
Der Geburtenrückgang in Deutschland lässt die Sorge nach dem Fortbestand des Generationenvertrages aufkommen, der bisher die soziale Versorgung von Kindern und Alten verlässlich gesichert hat. Deshalb leistet Kirche bewusst ihren Beitrag, um Elternschaft, Familie und die Chancengleichheit von Frauen und Männern zu fördern; z. B. durch Familienbildung, Kinderkrippen und -tagesstätten, familienspezifische Freizeit- und Urlaubsangebote, Ganztagsschulen, Müttergenesungskuren, Angebote für Alleinerziehende und weitere Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nicht übersehen werden sollte allerdings auch die hohe Zahl der Paare, die ungewollt kinderlos sind. Um ihren Kinderwunsch zu erfüllen, beanspruchen immer mehr Paare die Möglichkeiten der modernen Medizin mit ihren Chancen und Belastungen. Nach wie vor ist aber auch die Adoption ein Weg, eine Familie zu gründen.
Infolge der gesellschaftlichen Entwicklungen und sozia-len Veränderungen der letzten beiden Jahrhunderte haben sich die Formen des Zusammenlebens in Ehe und Familie tiefgreifend gewandelt. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die Rollenveränderung der Frau und des Mannes sowie deren Auswirkungen in Ehe, Partnerschaft, Familie und Beruf. Neben ihrer Berufstätigkeit bleibt der Frau oft noch die Hauptlast der Hausarbeit und Kindererziehung. Zugleich vollziehen immer mehr Männer die Änderung im Rollengefüge von Ehe und Familie mit und übernehmen in neuer Weise Verantwortung.
Die Mehrzahl der Ehen hat gegenwärtig lebenslang Bestand. Bei allen Bemühungen und guten Vorsätzen machen jedoch viele Paare die Erfahrung, dass ihre Ehe scheitert. Das liegt u. a. an den hohen Erwartungen, die mit der Ehe verbunden werden, und auch an der zunehmenden gesellschaftlichen Individualisierung und Leistungsorientierung. Auch das Unvermögen, Familienkonflikte gewaltfrei zu lösen, führt häufig zum Zerbrechen von Ehen. Selbst wenn das Scheidungsrecht inzwischen vom so genannten »Schuldprinzip« abgerückt ist, spielt für die Betroffenen die Frage, wer in welchem Umfang für das Scheitern einer Ehe verantwortlich ist, eine nach wie vor wichtige Rolle sowohl für Trennung und Scheidung wie auch für deren innere Verarbeitung.
In dieser Krisenzeit besteht bei vielen Bedarf nach Seelsorge, Beratung und geistlichen Formen, diesen Übergang zu bewältigen; dafür bieten sich Kirche und Diakonie als erfahrene und kompetente Ansprechpartner an. Die Zahl der Ein-Eltern-Familien bzw. Alleinerziehenden nimmt in Deutschland auch als Folge der Ehescheidungen weiter zu. Diese Lebensform bringt so hohe zeitliche und finanzielle Belastungen mit sich, dass der Anteil der auf Sozialhilfe Angewiesenen unter ihnen überdurchschnittlich hoch ist. Umso höher ist die Leistung einzuschätzen, die Alleinerziehende im Beruf und für ihre Familie erbringen.
(Textauszug aus den "Leitlinien kirchlichen Lebens")